Bevor es losgeht
Die Legende der sieben Kristalle
Die alten Meeresschildkröten erzählen sich eine Geschichte. Sie ist so alt, dass niemand mehr weiß, wer sie zum ersten Mal erzählt hat.
Es heißt, irgendwo auf der Welt seien sieben Kristalle verborgen. Einer liegt im Meer. Einer in den Bergen und Wüsten der Erde. Einer bei den Tieren. Einer im Menschen selbst. Und drei weitere an Orten, die noch niemand kennt.
Die Kristalle lassen sich nicht mit Gewalt finden. Man kann sie nicht kaufen und nicht stehlen. Wer sie sucht, muss Fragen stellen. Muss zuhören. Muss Dinge ausprobieren und sich auch einmal irren dürfen.
Viele haben nach ihnen gesucht. Die meisten haben aufgegeben.
Aber eines Morgens, in einer kleinen Bucht mit einem alten Leuchtturm, schießt ein hellblauer Hai aus dem Wasser und ruft: „Pfui! Bäh! Salzig!“
Und damit beginnt alles.
Kapitel 1
Wer hat das Meer versalzen?
Der Morgen, an dem HaiDo eine Suppe probierte
„Pfui! Bäh! Salzig!“
Mit einem gewaltigen PLATSCH schoss etwas Hellblaues aus dem Meer. Eine Möwe kreischte. Drei kleine Fische sprangen gleichzeitig in die Luft. Und am Strand fiel Ben vor Schreck sein Marmeladenbrot in den Sand.
„Hy, du Hai!“, rief Mila und winkte.
„Hy, ihr Landratten!“, keuchte HaiDo. Sein Entdeckerhut hing schief, die sandfarbene Weste tropfte, das Fernglas baumelte, und der goldene Kompass an seiner Brust drehte sich wie ein Kreisel. „Wir haben ein Problem. Ein riesiges Problem!“
Emma klappte ihr Buch zu. „Was ist denn passiert?“
HaiDo breitete die Flossen aus, als wollte er die ganze Welt umarmen.
„Jemand hat mein Zuhause versalzen!“
Ben hob sein Brot hoch. Es sah aus wie ein paniertes Schnitzel. „Und jemand hat mein Frühstück ruiniert.“
„Das ist doch nicht dasselbe!“, rief HaiDo. „Mein Zuhause ist ungefähr 361 Millionen Quadratkilometer groß! Ich habe überall probiert. Vor dem Felsen, hinter dem Felsen, neben der alten Boje. Überall schmeckt es wie Suppe!“
Mila kicherte. „HaiDo, das Meer war schon salzig, bevor du auf der Welt warst.“
Der kleine Hai erstarrte mitten in der Bewegung.
„Was? Schon so lange?“
Er setzte sich auf einen Stein und zog sein wasserfestes Notizbuch aus der Westentasche. Mit ernster Miene schrieb er auf die erste Seite:
DER FALL DES VERSALZENEN OZEANS
Darunter malte er einen Salzstreuer mit Sonnenbrille.
„Dann suchen wir einen uralten Täter“, verkündete er. „Einen gigantischen Salzstreuer. Oder einen Dinosaurier, der zu viele Pommes gegessen hat.“
Er kletterte zu einem Felsentümpel, in dem Seesterne und Seeigel lagen, und schöpfte ein Einmachglas voll Meerwasser. Dann zog er eine Lupe aus der Westentasche und betrachtete das Glas von allen Seiten. Ein kleiner Krebs sah ihm empört dabei zu.
„Merkwürdig“, murmelte HaiDo. „Man sieht gar nichts. Das Wasser ist ganz klar. Der Täter ist unsichtbar!“
„Weil das Salz aufgelöst ist“, sagte Emma. „So wie Zucker im Tee.“
Die erste Spur führt in die Berge
Emma setzte sich neben ihn. „Was glaubst du, woher das Wasser im Meer kommt?“
HaiDo überlegte. „Aus dem Meer?“
„Und davor?“
Ben zeigte mit seinem sandigen Brot auf den Fluss, der am Ende der Bucht ins Meer floss. „Von da. Flüsse bringen ständig Wasser ins Meer.“
„Aber Flusswasser ist doch nicht salzig“, sagte HaiDo misstrauisch. „Da schwimmen Forellen drin. Forellen mögen keine Suppe.“
„Fast nicht salzig“, sagte Emma. „Ein winziges bisschen schon.“
Mila hatte inzwischen einen Stock genommen und malte einen Berg in den Sand. Darüber eine Wolke. Aus der Wolke tropfte Regen auf den Berg.
„Schau mal“, sagte sie. „Wenn es regnet, läuft das Wasser über die Steine. Und Steine bestehen aus ganz vielen Stoffen. Ein paar davon löst das Wasser ab – so wie warmes Wasser ein Stück Zucker auflöst.“
„Nur viel, viel langsamer“, ergänzte Emma. „Das dauert Jahre und Jahre.“
HaiDo starrte auf die Zeichnung. „Moment. Die Berge schicken dem Meer also winzige Salzpäckchen? Mit dem Fluss als Postboten?“
„So ungefähr“, lachte Emma. „Und am Meeresboden gibt es Stellen, an denen heißes Wasser aus der Erde kommt. Auch dort gelangen Stoffe ins Meer.“
HaiDo schrieb hastig:
Verdächtiger Nr. 1: der Regen.
Verdächtiger Nr. 2: die Berge.
Verdächtiger Nr. 3: der Meeresboden.
„Das ist ja eine richtige Bande“, murmelte er.
Das Geheimnis des verschwundenen Wassers
Plötzlich hob HaiDo die Flosse. „Halt! Da stimmt was nicht. Wenn die Flüsse immer neues Wasser bringen, müsste das Meer doch irgendwann überlaufen. Dann wäre euer Strand weg. Und Bens Brot auch.“
„Das Brot ist sowieso schon weg“, seufzte Ben.
Emma zeigte nach oben. Die Sonne brannte vom Himmel.
„Die Sonne wärmt das Meer. Dabei wird ein Teil des Wassers zu Dampf und steigt unsichtbar in die Luft. Das nennt man Verdunsten.“
„Und das Salz?“, fragte HaiDo. „Fliegt das mit?“
„Nein“, sagte Mila. „Das bleibt im Meer.“
HaiDo riss die Augen auf. „Das Wasser fliegt weg, aber das Salz bleibt da? Dann ist das Meer ja wirklich ein Suppentopf, bei dem dauernd Wasser verdampft!“
„Als Vergleich ist das gar nicht schlecht“, gab Ben zu.
„Und wer ist der Koch?“
„Die Sonne“, sagte Emma.
HaiDo blickte streng in den Himmel. „Dann möchte ich mich beim Küchenchef beschweren.“
Das Experiment der drei Forscher
„Wir können es dir beweisen“, sagte Mila. Sie kramte in der Strandtasche und holte zwei flache Plastikschalen, eine Wasserflasche und ein kleines Salztütchen hervor, das eigentlich für die Tomaten gedacht war.
In die erste Schale gossen sie Wasser und rührten zwei Löffel Salz hinein, bis man nichts mehr davon sah. In die zweite Schale kam nur Wasser.
„Und jetzt?“, fragte HaiDo und rieb sich die Flossen.
„Jetzt stellen wir beide Schalen auf die Fensterbank in Opas Leuchtturm“, sagte Emma. „Und warten.“
„Wie lange?“
„Ein paar Tage.“
HaiDo ließ sich rückwärts in den Sand fallen. „Ein paar Tage? Ich bin ein Abenteuerhai, kein Wartehai!“
Trotzdem wartete er. Jeden Morgen steckte er den Kopf aus dem Wasser und rief: „Schon fertig?“ Und jeden Morgen riefen die Kinder: „Noch nicht!“
Am vierten Tag hielt Ben ihm die Schalen hin. Die Schale mit dem reinen Wasser war leer und fast sauber. Aber in der anderen glitzerte eine dünne weiße Kruste.
„Salz!“, flüsterte HaiDo ehrfürchtig. „Das Wasser ist weggeflogen, und der Täter ist zurückgeblieben!“
Er wollte sofort mit der Flosse hineintippen.
„Nicht anfassen!“, riefen alle drei gleichzeitig.
„Schon gut“, brummte HaiDo. „Wissenschaftler haben es wirklich nicht leicht.“
Warum die Fische keine Salzstangen sind
Am Abend saßen die vier am Strand. Die Sonne sank ins Meer und färbte die Wellen golden.
„Eine Sache verstehe ich noch nicht“, sagte HaiDo leise. „Wenn immer neues Salz ins Meer kommt, warum wird es dann nicht immer salziger? Irgendwann wären alle Fische Salzstangen.“
„Das ist eine richtig gute Frage“, sagte Emma. „Es kommt Salz dazu, aber es verschwindet auch wieder. Ein Teil lagert sich am Meeresboden ab und wird über sehr lange Zeit zu Gestein. Muscheln und Korallen holen sich manche Stoffe aus dem Wasser, um ihre Schalen zu bauen.“
„Rein und raus“, sagte Ben. „Wie bei einer Badewanne, bei der der Hahn läuft und der Stöpsel ein bisschen undicht ist.“
HaiDo klappte das Notizbuch zu. „Dann ist der Fall gelöst. Der Täter heißt … niemand!“
„Niemand?“, fragte Mila.
„Niemand und alle“, sagte HaiDo feierlich. „Regen, Berge, Flüsse, Sonne und eine unglaublich lange Zeit. Das salzige Meer ist die Geschichte der ganzen Erde.“
Dann sah er Ben an. „Die Sache mit dem Marmeladenbrot sollten wir aber trotzdem noch untersuchen.“
In diesem Moment landete eine Möwe neben Bens Tasche, schnappte sich das zweite Brot und flog davon.
„Zu spät“, sagte Ben.
„Neuer Fall!“, rief HaiDo. „Der geheimnisvolle Brotdieb!“
Ein Licht in der Tiefe
Als die Kinder ihre Sachen packten, begann HaiDos Kompass plötzlich blau zu leuchten. Die Nadel zitterte. Dann zeigte sie nicht nach Norden, sondern geradewegs hinaus aufs Meer.
Weit draußen, tief unter den Wellen, glomm für einen Herzschlag ein Licht auf. Dann war es wieder dunkel.
„Habt ihr das gesehen?“, flüsterte Mila.
HaiDo nickte langsam. Das Meer hatte ihm heute eine Antwort gegeben – und gleich eine neue Frage gestellt.
„Bis morgen, ihr Landratten!“, rief er.
„Bis morgen, du Quatschflosse!“
PLATSCH! Weg war er.
Und irgendwo tief unten im Ozean begann ein uralter Kristall ganz schwach zu schimmern.